Ich sah ein Fotomotiv, das mich sprachlos machte.
Etwas an diesem Ort überwältigte mich so sehr, dass ich spontan sagte:
-Dort muss ich hin, bevor ich sterbe.-
Und genau das tat ich.
Obwohl wir bereits in der Nähe der Dolomiten waren, lagen noch 7 Stunden und 40 Minuten Fahrt vor mir. Dazu kamen der Aufstieg, der schwere Rucksack, die Suche nach der richtigen Komposition und schließlich die Rückfahrt in derselben Nacht. Alles musste sich bei Tageslicht ausgehen, denn unbekanntes Gelände im Dunkeln zu erkunden, mit steilen Felsen und der Gefahr eines Absturzes, kam nicht infrage.
Eigentlich war ich längst erschöpft. Wochenlang hatte ich geplant, stundenlang gefahren, Berge erklommen, nach Kompositionen gesucht und war nachts abgestiegen, nur um am nächsten Morgen wieder von vorne zu beginnen.
Mein Körper brauchte dringend Ruhe.
Doch dieser Ort ließ mich einfach nicht los.
Also stieg ich ins Auto und fuhr los.
Nach der langen Anreise warf ich mir den riesigen Rucksack über die Schultern und begann, die Gegend zu erkunden. Drei Stunden lang lief ich beinahe ununterbrochen durch das Gelände. Drei gewaltige Wasserfälle, unzählige Perspektiven, dichtes Gestrüpp, steile Hänge und moosbedeckte Felsen. Ich kämpfte mich durch das Dickicht und nahm gefährlich wirkende Abkürzungen, um die Landschaft möglichst schnell zu verstehen.
Ich musste diesen Ort kennenlernen. Jeden Winkel. Jede mögliche Komposition.
Und dann stellte sich heraus, dass die beste Perspektive gerade einmal zwei Minuten von meinem ersten Aufstieg entfernt lag.
Nach all der Anstrengung konnte ich kaum noch stehen. Meine Beine zitterten, mein Körper war vollkommen erschöpft und das Licht verschwand.
Ich musste mich entscheiden.
Meine Komposition lag mitten im Fluss.
Meine Gummistiefel hatten sich längst mit Wasser gefüllt. Meine Kleidung war vom Schweiß durchnässt, und eiskaltes Quellwasser umspülte meine Füße. Die Stiefel auszuziehen, kam nicht infrage.
Ich war schließlich für dieses Foto hierhergekommen.
Also stieg ich noch tiefer ins Wasser.
Ich verrenkte mich in unmögliche Positionen, lag halb im Fluss und versuchte, den perfekten Blickwinkel zu finden. Die Strömung verschob ständig mein Stativ. Für die Langzeitbelichtungen musste ich es festhalten und gleichzeitig meinen Fuß unter Wasser gegen eines der Stativbeine stemmen.
Ein Stativ soll dafür sorgen, dass die Kamera ruhig steht.
In dieser Nacht musste ich das Stativ selbst ruhig halten.
Meine Beine waren so erschöpft, dass sie mich kaum noch tragen konnten. Trotzdem stemmte ich mich gegen die Strömung, hielt die Luft an und versuchte, mich keinen einzigen Millimeter zu bewegen. Jede kleinste Erschütterung hätte das Bild ruinieren können.
Es wurde stockdunkel. Mit meiner Stirnlampe versuchte ich, den Vordergrund wiederzufinden, sobald eine Welle das Stativ verschoben hatte. Ich reinigte die Linse mit meinem Mikrofasertuch, nur damit das Wasser kurz darauf wieder die gesamte Kamera durchnässte.
Linse reinigen. Stativ ausrichten. Komposition finden. Stillhalten. Auslösen.
Immer wieder.
Ich war am Ende meiner Kräfte, mir war eiskalt und trotzdem machte ich weiter.
-Ich wollte dieses Foto.-
Nicht irgendein Bild. Ich wollte ein Stück dieses Ortes mit nach Hause nehmen, den ich schon so lange in meiner Vorstellung mit mir herumgetragen hatte.
Fast acht Stunden war ich inzwischen allein in dieser Landschaft. Das Echo hallte zwischen den Felsen, der Fluss rauschte an meinem Körper vorbei und die letzten Spuren des Tageslichts waren längst verschwunden.
Ich lag halb im Wasser und wartete auf die Sterne.
Und plötzlich wurde mir bewusst, wie widersprüchlich das alles war.
Wochenlang hatte ich mich von einem Ort zum nächsten getrieben. Geplant, gefahren, geklettert, gesucht. Schlaf und Komfort geopfert.
Alles für ein Foto.
Ein Bild, das vielleicht für ein paar Sekunden betrachtet werden würde, bevor jemand weiterscrollte. Vielleicht würde es zwischen Tausenden anderen Fotografien verschwinden und bald vergessen sein.
Und ich lag hier, mitten in der Nacht, frierend in einem Fluss, und gab alles, was mir noch geblieben war, um es zu erschaffen.
Es ergab absolut keinen Sinn.
-Und doch war es wunderschön.-
Denn in diesem Moment gab es nichts anderes.
Keine E-Mails. Keine Erwartungen. Keine Gedanken an morgen. Kein Lärm der Außenwelt.
Nur der Fluss, die Felsen, die Dunkelheit, die ersten Sterne über mir – und ich, mittendrin.
Ich erinnerte mich an die Warnschilder, die vor möglichen Sturzfluten gewarnt hatten. Ein herabfallender Fels, eine plötzlich anschwellende Flut, ein falscher Schritt in der Dunkelheit – manchmal braucht es nicht viel, damit sich alles verändert.
Und ich dachte etwas, das für andere vielleicht absurd klingen mag.
Wenn jetzt eine Flutwelle durch die Schlucht rauschen würde, ein Fels herabstürzen oder etwas passieren würde, das ich nicht mehr kontrollieren könnte, hätte ich zumindest gewusst, dass ich in diesem Moment wirklich gelebt hatte.
Nicht, weil mein Leben weniger wert wäre als ein Foto.
Sondern weil ich gerade nicht mit meinen Gedanken irgendwo anders war.
Ich dachte nicht an morgen oder an all die Dinge, die ich noch erledigen musste. Ich dachte nicht an die Orte, die ich noch sehen wollte.
Ich war genau dort, wo ich sein wollte.
Völlig erschöpft. Eiskalt. Vielleicht ein bisschen verrückt.
Und so gegenwärtig wie schon lange nicht mehr.
Vielleicht ist das der Widerspruch, wenn man etwas verfolgt, das man liebt. Man kann sich in der Suche nach einem einzigen Bild verlieren und seinen Körper weit über das hinaus fordern, was vernünftig erscheint, nur um irgendwann zu erkennen, dass das Foto selbst niemals der eigentliche Grund war.
Vielleicht war es die Reise. Die Besessenheit. Dieses Gefühl, von etwas so vollkommen eingenommen zu sein, dass die restliche Welt für eine Weile aufhört zu existieren.
Vielleicht sind manche Orte nicht deshalb eine Reise wert, weil man Bilder von ihnen mit nach Hause bringt, sondern weil sie einem zeigen, wie es sich anfühlt, wirklich lebendig zu sein.
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich dort, in diesem eiskalten Fluss, während die ersten Sterne über den gewaltigen Felsen erschienen, etwas empfand, das ich nur schwer in Worte fassen kann.
Und für einen Moment ergab alles einen Sinn.
-So widersprüchlich. So unvernünftig. So wunderschön.-
Manchmal verbringen wir so viel Zeit damit, alles sicherer, einfacher und bequemer zu machen, dass wir vergessen, wie es sich anfühlt, vollkommen in einem Augenblick aufzugehen.
Die Kälte zu spüren. Das Wasser zu hören. Von der Welt überwältigt zu werden.
Daran erinnert zu werden, dass wir hier sind. Dass dieser Moment nur ein einziges Mal stattfindet. Und dass eines Tages all das verschwunden sein wird.
Vielleicht ist es genau deshalb, dass ich immer wieder losziehe.
Nicht für Likes. Nicht für Anerkennung. Nicht einmal für das Foto selbst.
Sondern für diese seltenen Augenblicke, in denen ich mich umschaue und erkenne, dass ich trotz all der Erschöpfung, all der Anstrengungen und all der Dinge, die das Leben schwierig machen …
nirgendwo sonst auf der Welt sein möchte.