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...Der Wind ist kalt auf der Haut

Lange hab ich davon geträumt, den Ort meiner Träume zu finden. Immer wieder war die Frage in meinem Kopf aufgetaucht: "Existiert er überhaupt so wie ich ihn mir vorstelle?"

Ich sitze vor einem Bergsee, in den das glitzernde Wasser eines grüntürkisblauen Bergflusses plätschert. Dazu höre ich Musik von Howard Shore... Das massive Bergpanorama, welches sich vor mir erstreckt, ist überwätigend und übertrifft weit alle meine bisherigen Vorstellungen über den Anblick einer Fantasielandschaft. Letzte Nacht träumte ich noch intensiv von Bergspitzen, die weit in den Himmel ragten, und jetzt stehen sie vor mir, jetzt sind sie zum Greifen nah und noch viel schöner als im Traum.

Ich trage einen großen Hut, der mich vor der starken Sonneneinstrahlung hier schützt, doch ich senke immer wieder meinen Kopf, sodass der Hut mir die Sicht auf das Traumpanorama nimmt. Ich möchte nicht zu lange hinsehen und meine Augen an dieses Wunder gewöhnen. Doch es ist wirklich verdammt schwierig, nicht ständig hinauf zu blicken. Jedes Mal wenn ich aufschaue bin ich fassungslos, verspüre meine Auflösung in tiefer Zufriedenheit, Entspannung und Inspiration.

Das Schönste dazu ist, dass ich zu zweit hier bin und diesen Ort mit einer sehr sehr faszinierenden und interessanten Künstlerin teilen kann. Beide spürten wir sofort, dass dieser Ort kein gewöhnlich schöner ist, sondern einer, wo uns eine besondere Energie getränkte Luft so stark macht, dass Kreativität wie Wasser aus uns selbst entspringt, durch uns fließt und uns verwandelt.

Die Begeisterung hier ist so groß, dass die Künstlerin tatsächlich zum ersten Mal nach 20 Jahren wieder einen Pinsel in die Hand nimmt und  zu malen beginnt. Durch neue schöpferische Kraft schießt die Idee hoch, das Wasser direkt aus der Quelle des Bergsees zu holen, um es zusammen mit den Farben auf das Papier zu bringen, um mit dem Geist des Wassers diesen Bergsee nachzubilden.

Nach einem kurzen tiefen Atemzug nehme auch ich vorsichtig meinen großen Pinsel in die Hand und beginne mit dem Licht zu malen.

Langsam wird es finster, der Abendstern scheint mir ins Gesicht. Die tief schwarze Silhouette des Bergmassivs kommt deutlich hervor und die gigantisch geschrafften Bergspitzen reflektieren das letzte Abendlicht im Schnee.

Der Lichtkegel des noch nicht aufgegangenen Vollmondes wird mit einem blauweißen Glühen langsam sichtbar. Der aus spitzen Steinen bestehende Weg ist noch weit und die Füße schmerzen schon stark. Ich nehme ein letztes rosaviolettes Aufleuchten der weißen Schneegipfel wahr bevor die Sonne gute Nacht sagt.

Der Himmel ist dunkel, das kalte Licht färbt die Landschaft blauweiß ein. Jede Sekunde kommt ein neuer Stern zum Vorschein. Es wird immer dunkler, die Nacht bricht herein und die schwarzen Schatten des Bergmassivs verschwimmen zu einem unwiederbringlichen Ölgemälde.

Auf der Anhöhe am Waldesrand steht eine kleine weiße Kapelle, ein gelboranges Licht scheint schwach durch ihr kleines Fenster.

Der Ausblick an der Kapelle reicht weit bis ins Tal hinunter, wo die kleinen leuchtenden Häuser des Dorfes zwischen den Giganten stehen. Im Dunkeln suche ich den Türgriff. Es ist schon spät und langsam leise betreten wir den kleinen warmen Raum, in dem uns brennende Kerzen empfangen. „Was für eine Stimmung, jetzt fehlt nur noch der Mondschein zum gelebten Märchen..." Wir zünden eine kleine Kerze an und genießen 10 Minuten in der heimeligen Wärme. 

Beim Öffnen der Türe überrascht uns ein heller Lichtstrahl, der die Steine am Boden taghell leuchten lässt. Wie bestellt blickt ein kleiner Teil des Vollmondes über den Bergkamm und zeigt uns den Weg nach unten. Ein unvergesslicher Anblick. 

Fotos von der kleinen weißen Kapelle hoch oben am Waldesrand, vom weiten freien Blick ins Tal in den vom Mond ausgeleuchteten Raum mit den winzigen Lichthäuschen zwischen den Bergriesen, von den Giganten... und jetzt noch ein paar Fotos und  dann geht’s weiter bergab durch den ruhigen Finsterwald ins Tal. 

Die Nacht ist mild, das Mondlicht scheint durch Baumspitzen und Äste. Unverhofft flattern weiße Nachtschmetterlinge vor meiner Nase. Ich sehe genauer hin, ihre zart weißdurchsichtigen Flügelchen reflektieren das gebrochene Vollmondlicht und lassen den dunklen Wald in wellenförmigen Bewegungen weiß glühen. Der Mond wie auch die Nachtschmertterlinge begleiten uns durch den finsteren Wald. Träume ich oder ist das alles wirklich wahr?

Weiter unten finden wir eine Höhle im Mondschein, die sein helles Licht auffängt und auf die Umgebung wirft, sodass Äste und Steine weiß glühen. 

Beinahe am Fuß des Berges angekommen vernehme ich das Plätschern vieler kleiner Wasserfälle,  das sich mit dem Geräusch eines donnernden großen Wasserfalls weiter entfernt vermischt.  Die Steine krachen und grölen im Flussbett, die Stimmung ist fremdartig schön, melancholisch, beängstigend, beschützend, beruhigend und frei während die Augen nur noch staunen.

Da drücken sich Bilder ein, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe.

...Milder Wind - Finsterwald - Tannenduft - tief schwarze Baumgestalten - weißblaues Vollmondlicht - weite dunkle Baumwurzelschatten - Berggipfel Silouhetten am Himmelsrand - weiß glühender Steinboden - weiß durchsichtige Nachtschmetterlinge - gelborange gebrochenes Kerzenlicht kleiner Häuschen - fließende Gewässer - Heimat der Tiere...

Alle Schmerzen, Sorgen und alles Leid sind für den Moment wie weggeblasen. 

Ah, so fühlt sich also Glück, Zufriedenheit, Vollkommenheit an.

Lange hab ich davon geträumt, den Ort meiner Träume zu finden. Immer wieder war die Frage in meinem Kopf aufgetaucht: "Existiert er überhaupt so wie ich ihn mir vorstelle?"

Der Wind ist kalt auf der Haut...

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